Ausschüttend oder thesaurierend: Welcher ETF für deutsche Anleger wirklich besser ist

Thesaurierend gilt als steuerlich klüger, ausschüttend als bequemer für die Rente. Beides stimmt nur halb. 2026 zahlen beide Varianten bei einem S&P 500 ETF exakt dieselbe Steuer, und der berühmte Stundungseffekt bringt über 25 Jahre weniger als 1% Unterschied. Ich zeige dir, worauf es wirklich ankommt.

Die kurze Antwort: Für die meisten deutschen Anleger ist ein thesaurierender ETF die bessere Wahl, solange sie Vermögen aufbauen. Der Steuervorteil ist aber viel kleiner als sein Ruf: 2026 zahlen beide Varianten bei einem S&P 500 ETF genau 41,36 € Steuer je 10.000 €. Den Ausschlag geben Freibetrag, Bequemlichkeit und deine Lebensphase. Wer heute schon von Ausschüttungen leben will, darf ausschüttend wählen, ohne etwas falsch zu machen.

Stell dir zwei Obstbäume vor. Beim ersten fallen die Äpfel jeden Herbst ins Gras, du sammelst sie auf und kannst sie essen oder wieder einpflanzen. Beim zweiten bleiben die Äpfel am Baum hängen und werden zu neuen Ästen. Der zweite Baum wird größer, aber du siehst lange nichts davon auf deinem Teller.

Genau das ist der Unterschied zwischen ausschüttend und thesaurierend.

Ehrlich gesagt habe ich jahrelang geglaubt, thesaurierend sei der klare Sieger. Steuerstundung, Zinseszins, fertig. Dann habe ich es zum ersten Mal sauber durchgerechnet, mit Vorabpauschale, Teilfreistellung und dem aktuellen Basiszins. Das Ergebnis hat mich überrascht. Der Vorteil existiert, aber er ist so klein, dass er bei vielen Anlegern von ganz anderen Dingen überlagert wird.

In diesem Artikel rechne ich dir das alles mit echten Euro Beträgen vor. Du erfährst, warum 2026 beide Varianten gleich viel Steuer kosten, wann thesaurierend wirklich gewinnt, wann ausschüttend klüger ist, und was KI Konzerne wie Nvidia damit zu tun haben, dass dein S&P 500 ETF kaum noch etwas ausschüttet.

Das Wichtigste in 60 Sekunden

  • Thesaurierend legt Dividenden im Fonds wieder an. Ausschüttend zahlt sie dir aufs Verrechnungskonto, meist vierteljährlich.
  • 2026 gleich teuer: Der Basiszins von 3,20% ist so hoch, dass die Vorabpauschale die Ausschüttungen fast jedes Aktien ETFs übersteigt. Dann wird bei beiden Varianten exakt derselbe Betrag besteuert.
  • Stundungseffekt: Über 25 Jahre bringt thesaurierend in meiner Simulation rund 3.000 € mehr auf 100.000 €. Bei niedrigem Basiszins sind es knapp 9.000 €.
  • Ausschüttend glänzt in der Entnahmephase nicht steuerlich, sondern psychologisch. Steuerlich ist das Verkaufen thesaurierender Anteile oft sogar günstiger.
  • Wichtiger als die Variante: irisches Fondsdomizil, niedrige Kosten und ein gestellter Freistellungsauftrag.
Zwei Gläser mit Goldmünzen: eines legt die Münzen wieder an, eines zahlt sie aus
Thesaurierend legt Erträge wieder an, ausschüttend zahlt sie aus.

Was bedeutet ausschüttend und thesaurierend?

Ein ausschüttender ETF zahlt die Dividenden der enthaltenen Firmen an dich aus. Ein thesaurierender ETF behält sie und kauft damit automatisch neue Aktien. Der Inhalt des Fonds ist in beiden Fällen identisch.

Nehmen wir den S&P 500. Apple, Microsoft, Johnson & Johnson und Co. zahlen Dividenden an den Fonds. Was dann passiert, entscheidet die Ertragsverwendung:

  • Ausschüttend (Distributing, kurz Dist): Der Fonds sammelt die Dividenden und überweist sie dir, meist viermal im Jahr. Der Kurs des ETFs fällt am Ausschüttungstag um genau diesen Betrag.
  • Thesaurierend (Accumulating, kurz Acc): Der Fonds legt die Dividenden sofort wieder an. Du bekommst nichts überwiesen, dafür steigt der Wert jedes Anteils etwas stärker.

Viele große Indizes gibt es in beiden Varianten. Zwei bekannte Paare:

IndexThesaurierendAusschüttend
S&P 500iShares IE00B5BMR087Vanguard IE00B3XXRP09
FTSE All WorldVanguard IE00BK5BQT80Vanguard IE00B3RBWM25
Beispiele, keine Empfehlung. Alle vier ETFs haben ihren Sitz in Irland. Welcher S&P 500 ETF am günstigsten ist, zeige ich im Vergleich zum besten S&P 500 ETF.

Wenn du tiefer in die Auswahl einsteigen willst: Meinen ausführlichen Vergleich findest du unter bester S&P 500 ETF, und die Frage Welt ETF oder nicht beantworte ich in MSCI World oder FTSE All World.

Wie werden ausschüttende ETFs besteuert?

Ausschüttungen eines Aktien ETFs werden mit rund 18,46% besteuert, weil 30% steuerfrei bleiben. Das gilt, sobald dein Sparerpauschbetrag von 1.000 € aufgebraucht ist.

Die Rechnung ist einfach. Auf Kapitalerträge zahlst du 25% Abgeltungsteuer plus 5,5% Soli darauf, zusammen 26,375%. Bei Aktien ETFs, die mindestens 51% in Aktien investieren, gilt die Teilfreistellung: 30% der Erträge bleiben steuerfrei. Übrig bleiben 70% mal 26,375%, also 18,46%.

Beispiel: Dein ausschüttender ETF zahlt dir im Jahr 1.500 € aus.

SchrittBetrag
Ausschüttung1.500 €
davon steuerfrei 30%450 €
steuerpflichtig1.050 €
Abgeltungsteuer mit Soli276,94 €
Netto für dich1.223,06 €
Eigene Rechnung, ohne Kirchensteuer, Freibetrag bereits verbraucht. Mit Kirchensteuer steigt die Belastung leicht.

Die Bank zieht das automatisch ab. Du musst nichts tun, außer einen Freistellungsauftrag zu stellen, damit die ersten 1.000 € Erträge steuerfrei bleiben.

Wie werden thesaurierende ETFs besteuert?

Thesaurierende ETFs werden über die Vorabpauschale besteuert, eine Steuer auf einen gedachten Mindestertrag. Den Rest zahlst du erst, wenn du verkaufst.

Früher war das die große Steuerlücke. Ein thesaurierender ETF schüttete nichts aus, also gab es nichts zu versteuern, oft über Jahrzehnte. Seit 2018 schließt die Vorabpauschale diese Lücke zumindest teilweise.

Die Formel: Wert am 1. Januar mal Basiszins mal 0,7. Für 2026 liegt der Basiszins bei 3,20%. Das ergibt einen Basisertrag von 2,24% des Werts zu Jahresbeginn. Ausschüttungen im Jahr werden davon abgezogen, und der Betrag ist auf den tatsächlichen Wertzuwachs gedeckelt.

Für 10.000 € in einem thesaurierenden S&P 500 ETF heißt das:

  1. Basisertrag: 10.000 € mal 3,20% mal 0,7 = 224 €
  2. Teilfreistellung: 30% steuerfrei, bleiben 156,80 €
  3. Steuer: 156,80 € mal 26,375% = 41,36 €

Abgebucht wird das Anfang Januar 2027. Alle Details, die Tabelle für größere Depots und was du vor Silvester erledigen solltest, findest du in meinem Artikel zur Vorabpauschale. Deine eigenen Zahlen kannst du im Vorabpauschale Rechner durchspielen.

Wichtig: Die Vorabpauschale ist keine zusätzliche Steuer. Sie ist eine Vorauszahlung. Beim Verkauf werden alle bereits versteuerten Vorabpauschalen vom Gewinn abgezogen. Du zahlst also nicht doppelt.

2026: Warum beide Varianten gleich viel Steuer kosten

Liegt die Ausschüttung unter dem Basisertrag, wird bei beiden ETF Varianten exakt derselbe Betrag besteuert. 2026 ist das bei fast allen breiten Aktien ETFs der Fall.

Das ist der Punkt, den kaum jemand auf dem Schirm hat. Schauen wir uns 10.000 € in einem ausschüttenden S&P 500 ETF an. Er zahlt nach US Quellensteuer im Fonds rund 0,9% aus, also etwa 90 €.

  • Die Ausschüttung von 90 € wird versteuert.
  • Die Vorabpauschale beträgt 224 € minus 90 € = 134 €, und auch die wird versteuert.
  • Zusammen: 90 € plus 134 € = 224 €. Genau wie beim thesaurierenden ETF.
2026 zahlen beide ETF Varianten gleich viel SteuerSteuerpflichtiger Betrag 2026 je 10.000 €, vor TeilfreistellungThesaurierend224 €Vorabpauschale 224 €Ausschüttend224 €Ausschüttung 90 € + Vorabpauschale 134 €
Eigene Rechnung nach § 18 InvStG: Basiszins 2026 3,20%, Basisertrag 10.000 € mal 3,20% mal 0,7 = 224 €. Ausschüttung rund 0,9% nach US Quellensteuer im Fonds. Annahme: Der ETF steigt 2026 um mindestens 224 €. Steuer jeweils 41,36 € ohne Freibetrag und Kirchensteuer.

Das ist so, als würdest du zwei Wege zum selben Ziel nehmen. Der eine führt über die Landstraße, der andere über die Autobahn, aber am Ende zeigt der Tacho dieselben Kilometer.

Erst wenn ein ETF mehr als 2,24% ausschüttet, zahlst du beim ausschüttenden ETF 2026 mehr Steuer als beim thesaurierenden. Das betrifft vor allem Dividenden ETFs. Bei einem MSCI World, FTSE All World oder S&P 500 ETF bist du 2026 mit beiden Varianten steuerlich gleich gestellt.

Die Ausnahme: das Jahr mit Verlust

In einem Verlustjahr zahlst du beim thesaurierenden ETF keine Vorabpauschale, beim ausschüttenden aber Steuer auf die Ausschüttung. Das ist ein kleiner, aber echter Vorteil für thesaurierend.

Die Vorabpauschale ist auf den Wertzuwachs gedeckelt. Fällt dein ETF im Jahr, ist sie null. Die Ausschüttung dagegen fließt trotzdem und wird versteuert. Bei 100.000 € Depot und 1,5% Ausschüttung sind das in einem Crashjahr rund 277 € Steuer, die du beim thesaurierenden ETF nicht zahlst.

Der Stundungseffekt: Wie viel bringt thesaurierend wirklich?

Über 25 Jahre bringt thesaurierend auf 100.000 € rund 3.000 € mehr, bei dauerhaft niedrigem Basiszins knapp 9.000 €. Das sind zwischen 0,7% und 2% des Endvermögens.

Der Vorteil entsteht, weil du beim thesaurierenden ETF einen Teil der Steuer erst beim Verkauf zahlst. Das Geld arbeitet bis dahin weiter. Wie groß der Effekt ist, hängt stark vom Basiszins ab: Je höher er ist, desto mehr wird schon über die Vorabpauschale vorab kassiert, und desto kleiner wird der Stundungsvorteil.

Ich habe es mit diesen Annahmen simuliert: 100.000 € Einmalanlage, 7% Rendite pro Jahr, davon 1,5% Ausschüttung, 25 Jahre, Aktien ETF mit Teilfreistellung, ohne Freibetrag. Beim ausschüttenden ETF lege ich jede Ausschüttung nach Steuer sofort wieder an. Am Ende wird alles verkauft und voll versteuert.

Basiszinsthesaur.aussch.Plus
1,0%455.900 €447.000 €+8.900 €
2,5%448.300 €445.200 €+3.100 €
3,2%444.800 €441.800 €+3.000 €
Eigene Simulation, Endvermögen nach allen Steuern, gerundet. Ohne Kirchensteuer, Freibetrag und Ordergebühren. Basiszins über die ganze Laufzeit konstant angenommen.
Der Steuerstundungseffekt ist kleiner als viele denkenEndvermögen nach allen Steuern, Achse ab 400.000 €Basiszins 1,0%: +8.900 € thesaurierend455.900447.000Basiszins 2,5%: +3.100 € thesaurierend448.300445.200Basiszins 3,2%: +3.000 € thesaurierend444.800441.800thesaurierendausschüttend, Ausschüttung wieder angelegt
Eigene Simulation: 100.000 € Einmalanlage, 7% Gesamtrendite pro Jahr, davon 1,5% Ausschüttung, 25 Jahre, Aktien ETF mit 30% Teilfreistellung, 26,375% Abgeltungsteuer mit Soli, ohne Freibetrag, Kirchensteuer und Ordergebühren. Verkauf am Ende komplett versteuert.

Was heißt das für dich? Thesaurierend gewinnt in jedem Szenario. Aber der Unterschied ist kleiner als die Kostendifferenz zwischen einem teuren und einem günstigen ETF. Ein ETF mit 0,20% Kosten statt 0,07% kostet dich über 25 Jahre auf 100.000 € mehr als der ganze Stundungseffekt bringt.

Mein Gefühl damals: Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, war ich fast enttäuscht. Jahrelang lese ich in Foren, wie wichtig thesaurierend sei. Und dann sind es bei heutigem Basiszins rund 120 € pro Jahr auf 100.000 €. Das ist schön, aber kein Grund, eine schlaflose Nacht zu haben.

Der Freibetrag: Hier kann ausschüttend punkten

Mit dem Sparerpauschbetrag von 1.000 € bleibt 2026 bei beiden Varianten ein Depot von rund 63.800 € komplett steuerfrei. In Jahren mit niedrigem Basiszins verschiebt sich das zugunsten von thesaurierend.

Der Freibetrag gilt für alle Kapitalerträge zusammen, also auch für Zinsen auf dem Tagesgeld. Bei 2,24% Basisertrag und 30% Teilfreistellung sind 2026 genau 1,568% deines Depotwerts steuerpflichtig. 1.000 € geteilt durch 1,568% ergibt rund 63.800 €.

Bei niedrigem Basiszins wird es interessanter. Angenommen, er liegt bei 1,0%:

  • Thesaurierend: Steuerpflichtig sind nur 0,49% des Depots. Der Freibetrag deckt dann über 200.000 € ab.
  • Ausschüttend mit 1,5%: Steuerpflichtig sind 1,05% des Depots. Der Freibetrag reicht für rund 95.000 €.

Ein Punkt, der für ausschüttend spricht: Wer seinen Freibetrag sonst nicht ausschöpft, etwa weil er kaum Zinsen bekommt, kann ihn mit Ausschüttungen jedes Jahr voll nutzen. Ungenutzter Freibetrag verfällt am 31.12. Das ist bei kleinen und mittleren Depots ein Argument, das in den meisten Vergleichen fehlt.

Was KI und Earnings damit zu tun haben

Der S&P 500 schüttet so wenig aus wie fast nie zuvor, nur noch rund 1,05%. Der Grund sind die großen KI Konzerne, die kaum Dividenden zahlen und stattdessen Aktien zurückkaufen.

Das klingt erst einmal nach einem Nebenschauplatz, ist aber wichtig für deine Entscheidung. Nvidia zahlt pro Quartal nur einen Cent Dividende je Aktie. Alphabet und Meta zahlen erst seit 2024 überhaupt etwas, und das in homöopathischer Höhe. Microsoft und Apple liegen deutlich unter 1%. Diese fünf Firmen machen zusammen einen großen Teil des Index aus.

Ihre Gewinne fließen in Rechenzentren, KI Chips und Aktienrückkäufe. Ein Rückkauf ist für dich als Aktionär im Grunde eine eingebaute Thesaurierung: Die Firma verteilt das Geld nicht, sondern erhöht deinen Anteil am Unternehmen. Du zahlst darauf keine Steuer, bis du verkaufst.

Wenn du die Quartalszahlen verfolgst, wirst du das in jeder Earnings Saison sehen: Die Rückkaufprogramme sind oft größer als die Dividenden. In meiner Vorschau auf die Berichtssaison im Oktober 2026 siehst du, welche Konzerne wann berichten.

Die Konsequenz für dich: Bei einem S&P 500 ETF oder einem Nasdaq 100 ETF ist der Unterschied zwischen ausschüttend und thesaurierend heute kleiner als je zuvor, einfach weil kaum noch etwas ausgeschüttet wird. Der Index thesauriert zu einem großen Teil schon von selbst.

Die US Quellensteuer: Gleich für beide, aber nicht für jeden Sitz

Die US Quellensteuer belastet ausschüttende und thesaurierende ETFs gleich. Entscheidend ist der Fondssitz: Irland zahlt 15%, Luxemburg meist 30%.

Wenn Apple an einen ETF Dividenden zahlt, behalten die USA Quellensteuer ein. Bei einem ETF mit Sitz in Irland sind das dank des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen Irland und den USA 15%. Bei Fonds aus Luxemburg sind es meist 30%. Diese Steuer kannst du dir als Anleger nicht zurückholen, sie bleibt im Fonds.

Das gilt für beide Varianten gleich. Deshalb ist meine Faustregel: Achte bei US Aktien ETFs zuerst auf ein IE am Anfang der ISIN, dann auf die Kosten und erst danach auf die Ertragsverwendung.

Ganz anders sieht es aus, wenn du Einzelaktien direkt hältst. Dann zahlst du ohne W-8BEN sogar 30% US Quellensteuer auf deine Dividenden. Wie du das verhinderst, erkläre ich in meiner Anleitung zur Quellensteuer USA und dem W-8BEN. Was am Ende von einer US Dividende netto übrig bleibt, rechnet dir der Dividenden Netto Rechner aus.

Die Entnahmephase: Ist ausschüttend für die Rente besser?

Steuerlich nicht. Wer in der Rente thesaurierende Anteile verkauft, zahlt oft weniger Steuer als mit Ausschüttungen, weil nur der Gewinnanteil versteuert wird.

Das ist der zweite große Irrtum. Viele denken: Für die Rente brauche ich Ausschüttungen, also muss ich rechtzeitig umschichten. Schauen wir uns ein Beispiel an.

Du hast mit 65 ein Depot von 500.000 € und möchtest 1.500 € im Monat entnehmen, also 18.000 € im Jahr. Die Hälfte des Depots sind Gewinne.

  • Ausschüttend mit 1,5%: Du bekommst nur 7.500 € Ausschüttung. Für die restlichen 10.500 € musst du trotzdem verkaufen. Die 7.500 € sind komplett Ertrag und werden voll besteuert.
  • Thesaurierend: Du verkaufst Anteile für 18.000 €. Davon sind nur 9.000 € Gewinn, der Rest ist dein eigenes Geld, das du einmal eingezahlt hast. Besteuert werden nur die 9.000 €, nach Teilfreistellung 6.300 €. Das sind rund 1.662 € Steuer.

Hättest du 18.000 € als Ausschüttung bekommen, wären darauf rund 3.323 € Steuer fällig. Thesaurierend und selbst verkaufen ist in der Entnahme also sogar effizienter, weil du jedes Mal auch eigenes Kapital zurückbekommst.

Hände nehmen Münzen von einem Stapel aus Goldmünzen, daneben Brille und Notizbuch
In der Entnahme zählt nicht die Ausschüttung, sondern wie viel Gewinn du verkaufst.

Warum wollen trotzdem so viele Rentner ausschüttende ETFs? Weil es sich besser anfühlt. Eine Ausschüttung ist wie ein Gehalt, ein Verkauf fühlt sich an wie ein Stück vom Kuchen abschneiden. Das ist kein Denkfehler, sondern menschlich. Wenn dir das hilft, in einem Crash nicht panisch alles zu verkaufen, ist ausschüttend für dich die richtige Wahl. Wie viel Depot du für ein bestimmtes Einkommen brauchst, rechne ich dir in 1.000 € Dividende im Monat vor.

Umschichten vor der Rente? Meistens keine gute Idee

Wer mit 60 seine thesaurierenden ETFs verkauft, um auf ausschüttende umzusteigen, zahlt auf einen Schlag Steuer auf alle Gewinne. Bei 250.000 € Gewinn sind das rund 46.000 €, die danach nicht mehr für dich arbeiten. Besser: Neue Sparraten in ausschüttende ETFs lenken und den Altbestand liegen lassen oder schrittweise verkaufen.

Der Haken beim Thesaurierer: Die Vorabpauschale als unerwartete Liquiditätsfalle

Viele Befürworter thesaurierender ETFs argumentieren mit dem reinen Steuerstundungseffekt. Was auf dem Reißbrett fantastisch aussieht, hat in der Realität seit der Zinswende einen gravierenden Haken, der jedes Jahr im Januar viele Privatanleger kalt erwischt:

Meine Praxiserfahrungen mit der Vorabpauschale im Echtgeld-Depot:

1. Das Ende der Nullzins-Illusion: In den Nullzinsjahren von 2018 bis 2022 lag der Basiszins der Bundesbank bei null oder war negativ. Die Vorabpauschale betrug exakt 0,00 Euro. Doch bei einem positiven Basiszins von 2,29 Prozent bucht die Depotbank für 100.000 Euro ETF-Volumen im Januar plötzlich rund 450 bis 500 Euro an Steuern ab, ohne dass du auch nur einen Cent Ausschüttung auf dein Girokonto erhalten hast.

2. Die Verrechnungskonto-Falle: Wenn kein ausreichender Freistellungsauftrag hinterlegt ist und das Verrechnungskonto zum Stichtag 0 Euro Guthaben aufweist, rutscht das Konto ins Minus. Einige Direktbanken berechnen dann sofort Dispo- oder Überziehungszinsen von 9 bis 12 Prozent. Bei Neobrokern droht im Extremfall die Sperrung von Handelsfunktionen, bis der Steuerrückstand per Überweisung ausgeglichen ist.

3. Wie ich das Liquiditätsrisiko im Alltag löse: Ich halte bei Depots mit thesaurierenden ETFs grundsätzlich einen Cash-Puffer von rund 1,0 Prozent des Fondsvolumens auf dem Verrechnungskonto. Alternativ nutze ich ausschüttende ETFs so weit aus, bis mein Sparer-Pauschbetrag von 1.000 Euro voll ausgeschöpft ist. Erst danach wechsle ich für zusätzliches Sparplankapital auf thesaurierende Tranchen.

Die Praxis: Bequemlichkeit, Kosten und Wiederanlage

Thesaurierend ist im Alltag bequemer: Die Wiederanlage passiert automatisch, ohne Ordergebühr und ohne dass du etwas tun musst.

Bei einem ausschüttenden ETF landet das Geld auf deinem Verrechnungskonto. Wenn du es wieder anlegen willst, brauchst du eine Order oder musst die Sparrate erhöhen. Das klingt trivial, aber ich kenne genug Leute, bei denen sich über die Jahre ein paar tausend Euro auf dem Verrechnungskonto angesammelt haben, die einfach nie wieder investiert wurden.

Ein kleiner Unterschied, der oft übersehen wird: Die Vorabpauschale braucht Geld auf dem Konto. Beim thesaurierenden ETF bucht die Bank Anfang Januar die Steuer ab. Ist das Verrechnungskonto leer, kann die Bank Anteile verkaufen oder eine Nachzahlung über die Steuererklärung auslösen. Beim ausschüttenden ETF ist meist genug Geld aus den Ausschüttungen da. Meine Faustregel: 0,5% deines ETF Depotwerts Anfang Januar auf dem Verrechnungskonto halten.

Und im Altersvorsorgedepot?

Ab 01.01.27 startet das staatlich geförderte Altersvorsorgedepot. Dort gibt es weder Abgeltungsteuer noch Vorabpauschale, solange das Geld im Depot liegt. Die Ertragsverwendung spielt steuerlich keine Rolle mehr. Thesaurierend ist dort einfach die bequemere Wahl, weil kein Geld auf dem Konto herumliegt. Alle Details zu Zulage, Anbietern und welche US ETFs passen, findest du im Artikel zum Altersvorsorgedepot.

Meine Empfehlung: Wer sollte was wählen?

Im Vermögensaufbau thesaurierend, in der Entnahme nach Gefühl, und wer seinen Freibetrag sonst nicht nutzt, darf auch ausschüttend sparen.

Deine SituationMeine Wahl
Vermögensaufbau, Freibetrag schon genutztthesaurierend
kleines Depot, kaum andere Erträgeausschüttend ist gleichwertig
du willst nichts verwaltenthesaurierend
Rente, Ausschüttung gibt dir Ruheausschüttend
Rente, du verkaufst lieber selbstthesaurierend
Altersvorsorgedepot ab 2027thesaurierend
Meine persönliche Einschätzung für Aktien ETFs mit Sitz in Irland. Keine Anlageberatung.

Ich selbst spare thesaurierend, weil ich es bequem mag und meinen Freibetrag über andere Erträge ohnehin ausschöpfe. Wenn mich jemand mit einem kleinen Depot fragt, ob er wechseln soll, sage ich fast immer: Nein, lass es laufen. Ein Wechsel kostet Steuern auf alle Gewinne, und der Vorteil holt das kaum je wieder rein.

Mein Fazit

Ausschüttend oder thesaurierend ist eine der meistdiskutierten Fragen unter deutschen ETF Anlegern, und gleichzeitig eine der unwichtigsten. 2026 kosten beide Varianten bei breiten Aktien ETFs exakt gleich viel Steuer. Über 25 Jahre liegt der Vorteil von thesaurierend bei heutigem Basiszins bei rund 3.000 € auf 100.000 €.

Viel mehr Geld entscheidet sich an anderer Stelle: am Fondssitz in Irland, an den laufenden Kosten, an einem gestellten Freistellungsauftrag und daran, dass du in schlechten Jahren nicht verkaufst. Wenn du das richtig machst, ist die Ertragsverwendung fast Geschmackssache.

Wenn du zusätzlich Einzelaktien aus den USA im Depot hast, prüf als Nächstes, ob dein W-8BEN aktiv ist. Sonst verlierst du dort jedes Jahr echtes Geld. Meine W-8BEN Checkliste dauert keine fünf Minuten.

Häufige Fragen

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Ist thesaurierend oder ausschüttend steuerlich besser?

Thesaurierend ist leicht besser, weil ein Teil der Steuer erst beim Verkauf anfällt. 2026 zahlen beide Varianten bei breiten Aktien ETFs aber genau dieselbe Steuer, weil die Vorabpauschale höher ist als die Ausschüttungen. Über 25 Jahre bringt thesaurierend in meiner Simulation rund 3.000 € mehr auf 100.000 €.

Muss ich bei thesaurierenden ETFs Steuern zahlen, obwohl nichts ausgezahlt wird?

Ja, über die Vorabpauschale. Für 2026 sind das 2,24% des Werts vom Jahresanfang, davon 30% steuerfrei. Bei 10.000 € zahlst du Anfang Januar 2027 rund 41 € Steuer, sofern dein Freibetrag verbraucht ist. Beim Verkauf wird dieser Betrag angerechnet.

Lohnt es sich, von ausschüttend auf thesaurierend zu wechseln?

Fast nie. Beim Verkauf zahlst du sofort Steuer auf alle Gewinne, und der kleine Stundungsvorteil holt das über Jahrzehnte kaum wieder herein. Besser ist es, nur neue Sparraten in die gewünschte Variante zu lenken.

Sind ausschüttende ETFs besser für die Rente?

Steuerlich nicht. Wer thesaurierende Anteile verkauft, versteuert nur den Gewinnanteil, bei Ausschüttungen ist alles Ertrag. Ausschüttungen fühlen sich aber wie ein Gehalt an und können helfen, ruhig zu bleiben. Das ist ein legitimer Grund.

Wie oft schütten ETFs aus?

Die meisten ausschüttenden S&P 500 und Welt ETFs zahlen viermal im Jahr, einige monatlich, halbjährlich oder jährlich. Die Termine stehen im Factsheet des Anbieters.

Spielt die Ertragsverwendung bei der US Quellensteuer eine Rolle?

Nein. Entscheidend ist der Fondssitz. ETFs mit Sitz in Irland zahlen auf US Dividenden 15% Quellensteuer, Fonds aus Luxemburg meist 30%. Das gilt für ausschüttende und thesaurierende Varianten gleich.

Quellen

  • § 18 InvStG (Vorabpauschale), § 20 InvStG (Teilfreistellung), § 20 Abs. 9 EStG (Sparerpauschbetrag 1.000 €)
  • Bundesfinanzministerium: Basiszins zur Berechnung der Vorabpauschale 2026, 3,20%, veröffentlicht 13.01.26
  • multpl: S&P 500 Dividend Yield, Dividendenrendite 1,05%, abgerufen am 02.10.26
  • DBA Irland USA, Art. 10 (Quellensteuer 15% auf Dividenden an irische Fonds)
  • Eigene Simulation zum Stundungseffekt, Annahmen siehe Tabelle

Prüfprotokoll und Transparenz

Geprüft am: 10.10.26 durch Michael Khanna (Steuerrechtlicher Stand InvStG und Basiszins 2026)
Primärquellen: Investmentsteuergesetz (§ 16 Teilfreistellung, § 18 Vorabpauschale, § 19 Ausschüttungen InvStG), BMF Schreiben zur steuerlichen Behandlung von Investmenterträgen, Deutsche Bundesbank (Feststellung des Basiszinses nach § 18 Abs. 2 InvStG), Einkommensteuergesetz (§ 20 EStG Sparerpauschbetrag).
Gegenprüfung: Reale Steuerabrechnungen und Ertragsberechnungen für ausschüttende und thesaurierende S&P 500 und MSCI World UCITS ETFs bei Trade Republic, Scalable Capital und ING Direktbank.
Ausgeschlossen: Keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung; alle Berechnungen und Simulationen dienen ausschließlich Informations- und Bildungszwecken.
Offenlegung: Der Autor hält Anteile an thesaurierenden und ausschüttenden UCITS ETFs im persönlichen Portfolio.

Redaktioneller Risikohinweis und Transparenz

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