Dieser Leitfaden ist Teil unseres US Research Bereichs. Passende Analysen, Rechner und Praxishilfen:
Stell dir vor, du sitzt in vierzig Jahren an deinem Küchentisch. Vor dir liegen zwei Depotauszüge. In beide hast du jeden Monat exakt denselben Betrag eingezahlt, beide laufen seit demselben Tag, beide enthalten Aktien ETFs. Auf dem einen Auszug stehen 204.860 Euro, auf dem anderen 170.847 Euro. Der Unterschied von rund 34.000 Euro kommt nicht von einem besseren Riecher, nicht von Glück und nicht von einem Geheimtipp. Er kommt von drei Entscheidungen, die zusammen keine zwanzig Minuten gedauert haben: die Kosten, die Risikoklasse und die Fondsgröße.
Genau diese drei Entscheidungen stehen jetzt bei hunderttausenden Leuten an, denn das Altersvorsorgedepot kommt zum 01.01.27. Die Regeln stehen fest, die Broker bereiten sich vor, und die Frage, die mich seit Wochen in jeder zweiten Mail erreicht, ist immer dieselbe: Welche ETFs dürfen da überhaupt rein, und nach welchen Kriterien wähle ich sie aus?
In diesem Artikel nehme ich dich mit durch genau diese Auswahl. Ich zeige dir die vier Kriterien, nach denen ich vorgehe, ich rechne dir jeden Effekt in Euro vor, und ich lasse einen echten Backtest seit Mai 2010 laufen, damit du siehst, was ein Sparplan in einen S&P 500 ETF über knapp siebzehn Jahre tatsächlich gebracht hat. Spoiler: Es sind 231.939 Euro aus 59.400 Euro Einzahlungen. Aber der Weg dorthin war alles andere als eine Gerade, und genau darüber müssen wir reden.
Das Wichtigste in 60 Sekunden
- Die kurze Antwort: Ins Altersvorsorgedepot gehören breite, thesaurierende Aktien ETFs mit niedrigen Kosten. Meine erste Wahl: ein S&P 500 ETF (TER 0,07 %) oder ein MSCI World / FTSE All World ETF (TER 0,14 bis 0,20 %).
- Der Kostenhebel: Bei 150 Euro Sparrate und 30 Jahren Laufzeit kosten dich 0,93 Prozentpunkte mehr Gebühren 34.013 Euro Endkapital. Eigene Modellrechnung, Annahmen unten im Artikel.
- Die Risikoklasse: MSCI World, FTSE All World und S&P 500 stehen im Basisinformationsblatt auf Klasse 4 von 7. Für einen Anlagehorizont von dreißig, vierzig Jahren ist das kein Widerspruch, sondern die Voraussetzung für Rendite.
- Der Backtest: 300 Euro pro Monat in einen thesaurierenden S&P 500 ETF, seit Mai 2010: aus 59.400 Euro wurden 231.939 Euro (14,9 % pro Jahr). Derselbe Sparplan in einen MSCI World ETF brachte 124.980 Euro (8,4 % pro Jahr). Eigene Berechnung aus XETRA Monatskursen, Stand 02.10.26.
- Der Haken: Die letzten sechzehn Jahre waren außergewöhnlich gut für US Aktien. Niemand verspricht dir, dass das so weitergeht. Genau deshalb gehören Kostenkontrolle und ein langer Atem zu den wichtigsten Kriterien überhaupt.
Was das Altersvorsorgedepot für deine ETF Auswahl wirklich ändert
Fangen wir mit einem Missverständnis an, das mir ständig begegnet. Viele glauben, das Altersvorsorgedepot sei ein eigenes Produkt mit eigenen Regeln für die Fondsauswahl, so wie bei einer Riester Versicherung, wo dir der Anbieter eine Liste vorlegt und du nur noch ankreuzen darfst. Das stimmt nicht.
Stell dir das Altersvorsorgedepot eher wie ein normales Wertpapierdepot vor, das der Staat mit einem Siegel versehen hat. Du eröffnest es bei einem Broker deiner Wahl, du kaufst ganz normale Wertpapiere, und im Gegenzug bekommst du zwei Dinge: eine monatliche Zulage vom Staat und die Aussicht, am Ende steuerfrei zu entnehmen. Dafür akzeptierst du eine Bedingung: Das Geld bleibt bis zum Rentenbeginn gebunden. Die kompletten Spielregeln, Förderbeträge und Fristen habe ich im großen Überblick zum Altersvorsorgedepot zusammengefasst, und was am Ende für dich rauskommen kann, rechnest du in zwei Minuten im Altersvorsorgedepot Rechner durch.
Für die ETF Auswahl heißt das konkret: Es gibt keine offizielle Liste erlaubter Fonds. Du entscheidest selbst. Und weil du selbst entscheidest, tragen auch du und niemand sonst die Konsequenzen deiner Auswahl, dreißig oder vierzig Jahre lang. Genau deshalb lohnt es sich, die Auswahl einmal sauber durchzudenken, statt den erstbesten Fonds zu nehmen, den dir die Banking App vorschlägt.
Drei Eigenschaften des Altersvorsorgedepots verändern die Auswahlkriterien gegenüber einem normalen Depot aber doch, und die solltest du im Hinterkopf behalten:
- Der Horizont ist extrem lang. Wer heute 30 ist und mit 67 entnimmt, legt auf 37 Jahre an. Kursschwankungen, die dir bei einem normalen Depot den Schlaf rauben würden, sind auf dieser Zeitschiene Rauschen. Das erlaubt dir, voll auf Aktien zu setzen, wo du im normalen Depot vielleicht bremsen würdest.
- Kosten wirken doppelt. Jede Gebühr frisst nicht nur heute Geld, sondern auch den Zinseszins, den dieses Geld in den nächsten Jahrzehnten erzeugt hätte. Bei kurzen Laufzeiten ist das vernachlässigbar, bei vierzig Jahren ist es der größte Hebel, den du hast.
- Umschichten ist teuer. Weil du nicht ständig raus und rein willst (Steuern, Gebühren, Nerven), sollte deine Wahl so robust sein, dass du sie Jahrzehnte nicht anfassen musst. Ein langweiliger Welt ETF schlägt hier jeden Modetrend.
Merksatz: Das Altersvorsorgedepot schreibt dir keine ETFs vor. Es belohnt aber genau die Eigenschaften, die gute ETFs von Natur aus mitbringen: niedrige Kosten, breite Streuung und einen langen Atem.
Die vier Kriterien, nach denen ich auswähle
Wenn mich Freunde fragen, wie sie einen ETF fürs Altersvorsorgedepot auswählen sollen, gebe ich ihnen keine Fondsliste, sondern vier Fragen. Wer die vier Fragen beantworten kann, trifft in neun von zehn Fällen eine vernünftige Wahl, ganz ohne Finanzwissen:
- Was kostet mich der Fonds pro Jahr? Die Gesamtkostenquote (TER) steht in jedem Factsheet. Alles über 0,3 % braucht für einen Standard Welt ETF eine sehr gute Begründung.
- Welche Risikoklasse steht im Basisinformationsblatt? Für den Kern des Altersvorsorgedepots will ich einen Fonds, dessen Risiko ehrlich ausgewiesen ist und zu meinem Horizont passt.
- Ist der Fonds groß genug und bildet er den Index sauber ab? Milliarden statt Millionen, physische Replikation statt Synthetik, enge Spreads statt Exotenhandel.
- Wie wird behandelt, was der Fonds ausschüttet? Thesaurierend oder ausschüttend, US Quellensteuer ja oder nein, und was passiert in der Ansparphase steuerlich?
Was bewusst nicht auf meiner Liste steht: der Name des Fonds (irgendwas mit „Global Champions“ klingt immer toll), die Rendite der letzten zwölf Monate (die kennst du erst, wenn sie vorbei ist), Sternchenbewertungen (die schauen in den Rückspiegel) und die Empfehlung deiner Hausbank (die verdient an der Empfehlung). Schauen wir uns die vier Kriterien einzeln an, mit Zahlen.
Kriterium 1: Kosten. Der Unterschied zwischen 0,07 % und 1,00 %
Kosten sind das langweiligste Kriterium und gleichzeitig das mächtigste. Warum? Weil Kosten die einzige Größe in deinem Depot sind, die du sicher kennst. Renditen sind unsicher, Kurse sind unsicher, die Zukunft ist unsicher. Aber dass ein Fonds 0,07 % oder 1,00 % pro Jahr kostet, steht schwarz auf weiß im Factsheet.
Die konkreten Zahlen, damit du vergleichen kannst: Der iShares Core S&P 500 UCITS ETF (ISIN IE00B5BMR087) kostet 0,07 % pro Jahr, der iShares Core MSCI World (IE00B4L5Y983) 0,20 %, der Vanguard FTSE All World (IE00BK5BQT80) seit Juli 2026 nur noch 0,14 %. Ein aktiv gemanagter Aktienfonds aus dem Bankvertrieb liegt dagegen schnell bei 1,00 bis 1,50 % plus Ausgabeaufschlag, und genau diese Produkte werden dir beim Thema Altersvorsorge besonders gern verkauft.
Stell dir vor, du sparst ab Januar 2027 jeden Monat 150 Euro ins Altersvorsorgedepot, dazu kommen 480 Euro Grundzulage pro Jahr. Beide Varianten erzielen dieselbe Bruttorendite von 6 % pro Jahr. Der einzige Unterschied: Einmal zahlst du 0,07 % Gebühren, einmal 1,00 %. Nach dreißig Jahren stehen auf dem günstigen Konto 204.860 Euro, auf dem teuren 170.847 Euro. Der Gebührenunterschied von 0,93 Prozentpunkten hat dich 34.013 Euro gekostet. Das ist ein gebrauchter Kleinwagen, den du für eine Zahl bezahlt hast, die in keinem Verkaufsprospekt groß gedruckt steht.
Und hier die gute Nachricht, die oft untergeht: Die Zulage wirkt noch stärker als die Kosten. Dieselbe Rechnung ohne die 480 Euro Grundzulage pro Jahr endet bei 158.715 Euro. Die Zulage ist also über dreißig Jahre rund 46.000 Euro wert, noch einmal 12.000 Euro mehr als der gesamte Kostenvorteil. Beides zusammen, günstiger ETF plus Zulage, ist der Grund, warum sich das Altersvorsorgedepot für kleine und mittlere Sparbeträge so stark rechnet.
Wichtig: Die TER ist nicht die ganze Wahrheit. Dazu kommen Tracking Difference (wie stark der Fonds seinem Index hinterherhinkt), die Ordergebühr deines Brokers und bei kleinen Sparplänen eventuelle Ausführungsentgelte. Ein Fonds mit 0,07 % TER, der dem Index um 0,15 % pro Jahr hinterherläuft, ist schlechter als einer mit 0,20 % TER und sauberer Abbildung. Bei den großen Standard ETFs von iShares, Vanguard, Amundi und Xtrackers ist die Abbildung aber in der Regel eng, deshalb reicht für die Auswahl im ersten Schritt der Blick auf die TER.
Kriterium 2: Die Risikoklasse im KID. Warum dein Altersvorsorge ETF eine 4 sein darf
Jeder ETF, den du in der EU kaufen kannst, muss ein Basisinformationsblatt mitliefern, das KID. Darin steht eine Zahl von 1 bis 7, die Risikoklasse. Viele schrecken zurück, wenn sie sehen, dass ihr S&P 500 ETF auf Klasse 4 steht, und denken: Moment, Altersvorsorge und Risiko 4 von 7, passt das zusammen?
Ja, und ich erkläre dir warum. Stell dir die Risikoklasse nicht als Warnung vor, sondern als ehrliche Wettervorhersage. Klasse 4 bedeutet nicht „hier verlierst du Geld“, sondern „hier schwankt es, und zwar messbar: in einem typischen schlechten Jahr kannst du zweistellige prozentuale Verluste sehen.“ Genau das ist 2020 passiert, genau das wird wieder passieren. Die Frage ist nicht, ob du Schwankungen aushalten willst, sondern ob du für dein Geld überhaupt eine Chance auf nennenswerte Rendite haben willst. Denn die sicheren Klassen 1 und 2, Tagesgeld und Anleihen, bringen nach Inflation über Jahrzehnte oft wenig bis gar nichts.
Konkret: Der iShares Core S&P 500 UCITS ETF steht in seinem aktuellen KID auf Risikoklasse 4 (im KID Dokument des Fonds nachlesbar, Link in den Quellen). Der Nasdaq 100, also die hundert größten Tech Werte, steht typischerweise auf Klasse 5, Themen ETFs und Krypto Produkte auf 6 und 7, einzelne Aktien ebenfalls auf 7. Für den Kern deines Altersvorsorgedepots, also den Teil, der Jahrzehnte unangetastet liegen soll, ist Klasse 4 der sweet spot: genug Aktienrendite, genug Streuung über hunderte Unternehmen, und eine Schwankungsbreite, die du mit einem Anlagehorizont bis 2060 locker aussitzt.
Was du daraus nicht ableiten solltest: dass der Zeitpunkt egal ist. Aktien können lange teuer bleiben und dann jahrelang seitwärts laufen. Wie teuer der S&P 500 gerade ist und was die Bewertung historisch für die nächsten zehn Jahre bedeutet, habe ich im Artikel zur S&P 500 Bewertung 2026 mit dem Shiller KGV durchgerechnet. Fürs Altersvorsorgedepot ist die praktische Konsequenz trotzdem dieselbe: Du kaufst nicht einmal einen großen Batzen, sondern jeden Monat automatisch nach, und damit kaufst du in teuren Monaten wenige und in billigen Monaten viele Anteile.
Kriterium 3: Fondsgröße und Replikation. Das Kleingedruckte, das über Jahrzehnte trägt
Stell dir zwei Lebensmittelgeschäfte vor. Das eine ist ein großer Supermarkt mit tausenden Kunden am Tag, das andere ein kleiner Kiosk an der Ecke. Beide verkaufen dieselbe Milch. Wo würdest du einkaufen, wenn du die nächsten vierzig Jahre dort einkaufen willst? Wahrscheinlich im Supermarkt, einfach weil die Chance, dass er nächsten Monat noch da ist, deutlich höher ist.
Bei ETFs ist es dasselbe. Ein Fonds mit mehreren Milliarden Euro Volumen wird nicht geschlossen, hat enge Handelsspannen und wird von seinem Anbieter mit Priorität behandelt. Ein Nischen ETF mit zwanzig Millionen Volumen kann dagegen jederzeit zusammengelegt oder dichtgemacht werden. Das ist keine Katastrophe, dein Geld bekommst du zurück, aber es bedeutet Zwangsverkauf, Steuerereignis und Neuanlage mitten in deiner Ansparphase. Genau das willst du im Altersvorsorgedepot nicht.
Mein Daumen: mindestens 500 Millionen Euro Fondsvolumen, lieber mehr. Die großen Standard ETFs, um die es hier geht, liegen allesamt im Milliarden bis zweistelligen Milliardenbereich. Das Fondsvolumen findest du auf der Produktseite des Anbieters oder bei jedem Fondsportal, es ändert sich täglich, deshalb nenne ich hier bewusst keine tagesaktuellen Zahlen.
Das zweite Kleingedruckte ist die Replikationsmethode, also wie der Fonds den Index nachbaut:
- Physische Replikation: Der Fonds kauft die Aktien wirklich. Bei den großen Welt und S&P 500 ETFs von iShares, Vanguard und Xtrackers ist das der Standard. Für mich die erste Wahl, weil sie am leichtesten zu verstehen ist: Dir gehören anteilig echte Unternehmen.
- Optimierte physische Replikation (Sampling): Der Fonds kauft eine repräsentative Auswahl der Index Aktien. Bei sehr breiten Indizes wie dem FTSE All World üblich und unproblematisch.
- Synthetische Replikation (Swap): Der Fonds hält ein Tauschgeschäft mit einer Bank statt der Aktien. Funktioniert technisch gut, hat aber ein Kontrahentenrisiko und ein Erklärungsproblem, wenn du es in dreißig Jahren deinem Kind erklären willst. Für den Kern des Altersvorsorgedepots verzichte ich darauf.
Ein letzter Punkt, den fast niemand auf dem Schirm hat: Wertpapierleihe. Viele große ETFs verleihen einen Teil ihrer Aktien gegen Gebühr weiter und behalten einen Großteil der Einnahmen, was deine Rendite leicht verbessert. Das ist etabliert und abgesichert, aber wenn es dich nervt, wählst du einen Fonds, der darauf verzichtet. Im KID und auf den Anbieterseiten steht das drin. Für mich ist es kein Ausschlusskriterium, solange der Fonds groß, physisch und günstig ist.
Kriterium 4: Steuern. Thesaurierend, US Quellensteuer und der lange Atem
Beim Altersvorsorgedepot denkst du vielleicht: Steuern? Ist doch steuerfrei! Jein. Steuerfrei ist die Entnahme am Ende. In der Ansparphase gilt für dein Depot das normale Steuerregime, und genau deshalb ist die Steuerlogik deines ETFs auch hier wichtig. Drei Punkte:
Erstens: thesaurierend oder ausschüttend? Fürs Altersvorsorgedepot wähle ich thesaurierend. Der Fonds legt Dividenden automatisch wieder an, du hast keinen Cashflow, den du versteuern oder reinvestieren müsstest, und der Zinseszins arbeitet ohne Pause. Ausschüttende Varianten sind steuerlich etwas transparenter und fühlen sich für manche greifbarer an, aber wer dreißig Jahre nicht ans Geld will, fährt mit der Thesaurierung am saubersten. Kleiner Hinweis für Steuerfüchse: Auch thesaurierende Fonds lösen in Deutschland während der Ansparphase die sogenannte Vorabpauschale aus, ein kleiner Steuerbetrag auf fiktive Erträge. Wie die funktioniert und warum sie dich nicht arm macht, steht im Vorabpauschale Rechner.
Zweitens: die US Quellensteuer. S&P 500 und MSCI World bestehen zu großen Teilen aus US Unternehmen, und die USA behalten auf Dividenden zunächst 30 % Quellensteuer ein. Mit dem Steuerformular W 8BEN, das jeder deutsche und österreichische Broker einmal für dich einreicht, sinkt diese Belastung auf 15 %. Bei einem irischen thesaurierenden ETF passiert das alles innerhalb des Fonds, du merkst im Alltag nichts davon, es kostet dich aber bei einem S&P 500 ETF dauerhaft einen kleinen Renditezehntel pro Jahr, weil die verbleibenden 15 % im Fonds verloren gehen. Das ist kein Grund, auf US Aktien zu verzichten, aber ein Grund, die Zahlen genau zu kennen. Die komplette Anleitung mit Formular Weg findest du in meinem Quellensteuer und W 8BEN Guide.
Drittens: Umschichten vermeiden. Jeder Verkauf ist ein steuerliches Ereignis, auch wenn er im Altersvorsorgedepot am Ende steuerfrei entnommen wird, die Ansparphase besteuert Zwischenverkäufe nach den normalen Regeln. Noch ein Grund für die einfache, robuste Lösung: ein Kern ETF, den du Jahrzehnte nicht anfasst, ist steuerlich der langweiligste und genau deshalb der beste Fall.
Der Backtest: Was ein 300 Euro Sparplan in den S&P 500 seit 2010 wirklich gebracht hat
Genug Theorie, jetzt Zahlen aus der echten Welt. Ich habe einen Sparplan nachgebaut: 300 Euro pro Monat, jeweils zum Monatsende in einen thesaurierenden ETF investiert, zu den echten XETRA Schlusskursen, ohne Ordergebühren gerechnet. Drei Kandidaten, ein Zeitraum von Mai 2010 bis Oktober 2026, also gut sechzehneinhalb Jahre. Die Daten stammen aus den Monatskursen der Börse (Quelle unten), Stand 02.10.26.
Die Ergebnisse im Überblick:
| Sparplan seit 05.10 | Einzahlungen | Endwert 10.26 | Rendite p. a. |
|---|---|---|---|
| S&P 500 (iShares Core, SXR8) | 59.400 € | 231.939 € | 14,9 % |
| MSCI World (iShares Core, EXS1) | 59.400 € | 124.980 € | 8,4 % |
| FTSE All World (Vanguard, VWCE, erst seit 07.19 am Markt) | 26.400 € | 44.336 € | 13,9 % |
Lass das kurz sacken. Aus 59.400 Euro eingezahltem Geld wurden beim S&P 500 knapp 232.000 Euro. Der Sparer hat also fast das Vierfache seiner Einzahlungen zurückbekommen, und das in einem Zeitraum, in dem es zwei echte Krisen gab: die Euro Schuldenkrise 2011 und den Corona Crash im März 2020, den du in der Grafik als deutliche Delle siehst. Wer damals seinen Sparplan aus Angst pausiert hat, hat genau die Monate verpasst, in denen die Erholung stattfand.
Und jetzt der nüchterne Teil, den dir ETF Verkäufer gern weglassen: Diese sechzehn Jahre waren außergewöhnlich. US Tech Aktien haben die Welt geschlagen, der S&P 500 lief dem Rest der developed markets davon, deshalb die 14,9 % gegen 8,4 % beim MSCI World. Ob das die nächsten dreißig Jahre so weitergeht, weiß niemand. Es gab auch Jahrzehnte, in denen der S&P 500 inflationsbereinigt kaum vom Fleck kam. Wer dir aus einem Backtest eine Garantie macht, verkauft dir etwas.
Was der Backtest dir trotzdem zuverlässig zeigt, sind drei Dinge: Erstens funktioniert der Mechanik des Sparplans, Zeit im Markt schlägt Timing, und zwar über alle drei Fonds hinweg. Zweitens sind die Unterschiede zwischen den großen, günstigen Welt ETFs am Ende viel kleiner als der Unterschied zwischen „dabeibleiben“ und „in Panik verkaufen“. Drittens sind die Kurse unterwegs keine Gerade, und dein Altersvorsorgedepot wird sich in seinem Leben mehrfach halbieren. Das ist der Preis der Rendite, und mit Klasse 4 im KID hast du ihn schriftlich.
Mein Ergebnis: Diese ETFs gehören ins Altersvorsorgedepot
Nach allen vier Kriterien bleibt eine sehr kurze Liste übrig. Das ist keine Kaufempfehlung im aufsichtsrechtlichen Sinn, sondern die Auswahl, die ich selbst für mein eigenes Altersvorsorgedepot getroffen habe und die ich Freunden erkläre:
| ETF | ISIN | TER | KID Klasse | Meine Rolle im Depot |
|---|---|---|---|---|
| iShares Core S&P 500 UCITS ETF (Acc) | IE00B5BMR087 | 0,07 % | 4 | Kern oder Satellit: die 500 größten US Firmen, unschlagbar günstig |
| iShares Core MSCI World UCITS ETF (Acc) | IE00B4L5Y983 | 0,20 % | 4 | Kern: ca. 1.400 Firmen aus 23 Industrieländern |
| Vanguard FTSE All World UCITS ETF (Acc) | IE00BK5BQT80 | 0,14 % | 4 | Kern: Industrieländer plus Schwellenländer in einem Fonds |
| Nasdaq 100 ETF (z. B. iShares, Acc) | je nach Anbieter | 0,30 bis 0,40 % | 5 | Satellit, wenn überhaupt: Tech Übergewicht mit höherer Schwankung |
Meine persönliche Aufteilung, wenn ich heute neu anfangen würde: ein einziger Welt ETF als Kern, entweder der FTSE All World (ein Fonds, ganze Welt, 0,14 %) oder der MSCI World, wenn du Schwellenländer bewusst weglassen willst. Dazu, nur wenn du es wirklich willst, ein S&P 500 ETF als Beimischung, weil du an die US Wirtschaft besonders glaubst. Mehr braucht es nicht. Zwei ETFs sind das Maximum, das ich in einem Altersvorsorgedepot für sinnvoll halte, und meiner Meinung nach reicht einer.
Die Details zu den beiden wichtigsten Kandidaten habe ich in eigenen Tests aufgeschlüsselt: den besten S&P 500 ETF im Vergleich und, für die Tech Freunde, den besten Nasdaq 100 ETF. Für alle, die zusätzlich direkt in Einzelwerte wollen (im normalen Depot, nicht zwingend im Altersvorsorgedepot), ist die Anleitung US Aktien kaufen der richtige Einstieg.
Was ich nicht ins Altersvorsorgedepot packen würde
Zur Auswahl gehört auch das Weglassen. Stell dir dein Altersvorsorgedepot wie das Fundament eines Hauses vor. In ein Fundament mauert man keine Deko. Konkret würde ich Folgendes draußen lassen:
- Themen ETFs (Künstliche Intelligenz, Wasserstoff, Cannabis, Rüstung): hohe Risikoklasse 6, enge Themen, oft hohe Gebühren. Die Wette auf ein Thema über vierzig Jahre gehst du nicht mit dem Geld ein, das du mit 67 brauchst. Wenn du Themen willst: Spielgeld im normalen Depot.
- Einzelaktien: Klasse 7 im KID. Selbst großartige Unternehmen können über Jahrzehnte enttäuschen, frag die Aktionäre von General Electric oder IBM. Streuung über hunderte Firmen ist der einzige kostenlose Schutz, den der Markt dir gibt.
- Hebel und Short Produkte: Für Langfristanlagen strukturell ungeeignet, Wegrollverluste und Totalverlustrisiko inklusive. Im Altersvorsorgedepot ein No Go.
- Krypto ETPs: Risikoklasse 7, extreme Schwankungen, steuerlich und aufsichtlich noch jung. Wer Krypto will, macht das außerhalb der gebundenen Altersvorsorge.
- Aktive Fonds mit Ausgabeaufschlag: 1,5 % TER plus 5 % Ausgabeaufschlag sind genau die 34.000 Euro aus der Rechnung oben. Lass dir im Beratungsgespräch einfach einmal die TER und den Ausgabeaufschlag aufschreiben, dann erledigt sich das Thema von selbst.
Sparplan einrichten: So mache ich es in zehn Minuten
Die Auswahl ist die halbe Miete, die Einrichtung ist die andere, und die ist zum Glück langweilig. So gehe ich vor:
- Broker wählen. Ins Altersvorsorgedepot gehört ein Broker, der das geförderte Produkt ab 2027 anbietet und ETF Sparpläne günstig oder kostenlos ausführt. Welcher Broker zu dir passt (Neobroker gegen Direktbank gegen Vollbank), habe ich im Broker Vergleich für US Aktien durchgerechnet.
- Einmalanlage oder sofortiger Sparplan. Wenn du schon Geld auf dem Konto hast: Nicht alles auf einmal investieren, sondern über sechs bis zwölf Monate verteilt, das nimmt das Timing Risiko raus. Der Sparplan läuft ab Tag eins.
- Ausführungstermin auf den 1. oder 15. des Monats legen. Welcher Tag statistisch besser ist, ist unter Forschern umstritten und der Effekt minimal. Wichtig ist nur, dass er automatisch läuft und du nicht jeden Monat neu entscheiden musst.
- Betrag so wählen, dass er wehtut, ohne zu ersticken. Die Zulage ist gedeckelt, wer die volle Förderung will, muss die passende Sparrate treffen, die Details stehen im Überblicksartikel und im Rechner.
- Einmal im Jahr reinschauen, nicht öfter. Prüfen, ob der Sparplan läuft, ob die TER noch stimmt, fertig. Nicht den Kurs verfolgen. Nicht umschichten, weil ein anderer ETF letztes Jahr besser war. Das ist die ganze Verwaltung.
Der häufigste Fehler bei der Einrichtung ist übrigens nicht technischer Natur, sondern psychologischer: zu groß anfangen. Wer im ersten Monat 500 Euro spart und im vierten Monat die Rate kürzen muss, hat verloren. Fang mit einem Betrag an, den du auch nach einer Mieterhöhung noch mühelos tragen kannst. Erhöhen kannst du jederzeit.
Fünf Fehler, die ich bei der ETF Auswahl immer wieder sehe
Zum Schluss die fünf Klassiker, die mir in Mails und Gesprächen immer wieder begegnen. Wenn du nur einen Abschnitt dieses Artikels behältst, dann diesen:
- Fehler 1: Auf die letzte Jahresrendite schauen. Der beste ETF des letzten Jahres ist fast nie der beste der nächsten zehn. Ranglisten sind Rückspiegel.
- Fehler 2: Zu viele ETFs kombinieren. Fünf Welt ETFs übereinander sind kein diversifiziertes Depot, sondern ein MSCI World mit extra Schritten und doppelten Kosten.
- Fehler 3: Gebühren ignorieren, weil sie klein aussehen. 0,93 Prozentpunkte klingen nach nichts und kosten über dreißig Jahre 34.000 Euro. Rechne es einmal selbst im Rechner nach.
- Fehler 4: Das Depot als Trading Konto missverstehen. Wer im Altersvorsorgedepot quartalsweise umschichtet, zahlt Gebühren, Steuern und Nerven für ein Ergebnis, das statistisch schlechter ist als Nichtstun.
- Fehler 5: In der Krise pausieren. Der Corona Crash 2020 steht in der Backtest Grafik oben als Delle. Wer dort pausiert hat, hat die Erholung verpasst. Der Sparplan ist dafür gebaut, Krisen automatisch auszunutzen. Lass ihn laufen.
Fazit: Was ich heute tun würde
Wenn ich heute noch einmal dreißig Jahre alt wäre und mein Altersvorsorgedepot einrichten müsste, sähe mein Abend so aus: Zuerst fünf Minuten in den Altersvorsorgedepot Rechner, um meine Sparrate festzulegen. Dann ein thesaurierender FTSE All World ETF als Kern, weil ein Fonds für die ganze Welt bei 0,14 % TER das beste Verhältnis aus Einfachheit und Streuung hat. Dazu optional ein kleiner S&P 500 ETF, wenn ich meine US Wette bewusst eingehen will. Risikoklasse 4 akzeptieren, Sparplan auf den 1. des Monats, Benachrichtigungen aus, Kalendertermin „einmal jährlich prüfen“ rein, fertig.
Das war’s wirklich. Die gesamte Entscheidungsmagie des Altersvorsorgedepots passt in vier Kriterien: günstig, Klasse 4, groß und physisch, thesaurierend. Alles andere, Themen Wetten, Fonds Rankings, die Frage nach dem perfekten Einstiegszeitpunkt, ist Lärm, der dich über vierzig Jahre mehr kostet als jede Kursdelle.
Und falls du jetzt denkst, „moment, bei 41er Shiller KGV soll ich einsteigen?“: Ja, mit dem Sparplan, denn du weißt nicht, ob die nächsten zehn Jahre gut oder schlecht werden, aber du weißt sicher, dass du in vierzig Jahren entnimmst und nicht in zehn. Der Sparplan ist genau das Werkzeug für Leute, die offen zugeben, dass sie die Zukunft nicht kennen. Also auch für mich.
Und noch ein letzter Gedanke, bevor du das Depot eröffnest: Fang nicht erst an, wenn du das perfekte Setup gefunden hast. Der beste Tag für den Start deines Sparplans war vor zehn Jahren, der zweitbeste ist der Tag, an dem das Altersvorsorgedepot bei deinem Broker verfügbar wird. Die vier Kriterien aus diesem Artikel reichen für eine Entscheidung, die du die nächsten Jahrzehnte nicht bereuen wirst.
Quellen
- Gesetz zur Einführung des Altersvorsorgedepots, Bundesgesetzblatt 2026 Teil I Nr. 156: recht.bund.de
- Bundestags Drucksache 21/7864, Gesetzentwurf und Begründung: dserver.bundestag.de
- iShares Core S&P 500 UCITS ETF, Basisinformationsblatt (KID) mit TER und Risikoklasse: ishares.com (PDF)
- Kursdaten für den Backtest: XETRA Monatsendkurse der thesaurierenden Anteilsklassen SXR8.DE, EXS1.DE und VWCE.DE via Yahoo Finance, Abruf 02.10.26: finance.yahoo.com
- Anbieter Vergleich Altersvorsorgedepot, talerbox (Stand 31.08.26): talerbox.com
- Eigene Modellrechnungen: Annahmen wie in den Grafiken angegeben (150 € Sparrate zu Monatsbeginn, 480 € Grundzulage zu Jahresende, 6 % Bruttorendite, Kosten laufend abgezogen, monatliche Verzinsung, 30 Jahre). Modellrechnungen sind keine Prognosen.
Häufige Fragen zur ETF Auswahl im Altersvorsorgedepot
Welche ETFs sind für das Altersvorsorgedepot ab 2027 zulässig?
Zugelassen sind kostengünstige, breit gestreute Aktien- und Anleihen-ETFs mit UCITS-Zulassung. Reine Branchen- oder Themenwetten, Krypto-ETPs und gehebelte Produkte sind im staatlich geförderten Depot ausgeschlossen, um ein solides Langfristrisiko zu gewährleisten.
Lohnt sich ein S&P 500 ETF oder ein All-World ETF eher für das Altersvorsorgedepot?
Ein weltweiter All-World ETF bietet die breiteste Länderstreuung und minimiert Klumpenrisiken. Ein S&P 500 ETF konzentriert sich auf die 500 profitabelsten US-Konzerne, liefert historisch eine leicht höhere Rendite, weist jedoch ein reines US-Währungs- und Länderrisiko auf. Beide Varianten eignen sich hervorragend als Kerninvestment.
Wie werden Dividenden und Kursgewinne im Altersvorsorgedepot besteuert?
Während der gesamten Ansparphase gilt die volle Steuerstundung: Weder Abgeltungsteuer noch Vorabpauschale fallen an. Die Besteuerung erfolgt erst bei Auszahlung im Rentenalter mit dem dann meist deutlich niedrigeren individuellen Einkommensteuersatz (nachgelagerte Besteuerung).
Wie hoch ist die maximale staatliche Förderung ab 2027?
Wer mindestens 1.800 Euro im Kalenderjahr in das Altersvorsorgedepot einzahlt, erhält 480 Euro Grundzulage vom Staat (inklusive Einführungsbonus bis zu 660 Euro in 2027/2028). Für jedes kindergeldberechtigte Kind kommen 300 Euro Kinderzulage hinzu. Zusätzlich prüft das Finanzamt den Sonderausgabenabzug bis 1.800 Euro.
Gibt es im Altersvorsorgedepot weiterhin eine Beitragsgarantie?
Nein, das ist der zentrale Reformschritt gegenüber der alten Riester-Rente. Auf eine gesetzliche 100-Prozent-Beitragsgarantie wird verzichtet, sodass 100 Prozent deines Kapitals mit voller Aktienquote und maximaler Zinseszinskraft für deine Altersvorsorge arbeiten können.
Nutze unsere redaktionellen Checklisten und Tabellen vor deiner nächsten Investmententscheidung:
Redaktionelles Prüfprotokoll und Primärquellen
Geprüft am: 09.10.26 durch Michael Khanna
Primärquellen: Gesetzentwurf zum Altersvorsorgedepot (BMF / BMJ Referentenentwurf 2026), Investmentsteuergesetz (§ 16, § 18, § 20 InvStG), MSCI Inc. und FTSE Russell Index-Methodologien.
Gegenprüfung: Kostenquoten (TER), Tracking Difference Analysen der fuehrenden UCITS-ETFs, Replikationsmethoden und simulierte Netto-Rendite nach geplanter Besteuerung in der Auszahlungsphase.
Redaktioneller Risikohinweis und Transparenz
Hinweis nach § 85 WpHG: Die auf USAktienHub.de veröffentlichten Analysen, Berechnungen und Ratgeber dienen ausschließlich der allgemeinen Information und finanziellen Bildung. Sie stellen keine Anlageberatung, steuerliche Beratung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Der Handel mit Aktien, ETFs und Derivaten birgt finanzielle Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Historische Renditen und mathematische Modellrechnungen bieten keine Garantie für die künftige Wertentwicklung.